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"Palaver"
Funksprüche
 


An dieser Stelle finden Sie ein Kapitel aus dem im Juni 2004 neu erscheinenden dritten Band der Reihe.

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Das unheimliche Tal

„Jetzt, meine Herren“, sagte der Graf, „stehen wir vor dem dritten Akt. Er bringt, wie Sie ebenso genau wissen wie ich, den Höhepunkt der Handlung, und ihm schließt sich die Katastrophe unmittelbar an.“

„Mann spielt entweder ehrlich“, sagte der Chef, „dann haben wir heute abend den Mörder. Oder spielt falsch: dann will er uns heute abend fertigmachen.“

„Soll ich ihm nachreiten?“ fragte der Graf.

„Hat keinen Zweck“, sagte der Chef. „Spielt er ehrlich, dann ist es überflüssig. Spielt er falsch, dann merkt er, dass wir ihm misstrauen.“

„Wenn er falsch spielt“, sagte GG, „hat er Mike Mull entweder längst benachrichtigt, dass wir kommen, oder er unterrichtet ihn erst heute über die Lage. Entweder lauert Mike Mull schon auf uns, oder sie tun es beide heute abend.“

„In jedem dieser beiden hochinteressanten Fälle wird dieses rei­zende Tal der Ort der Handlung sein“, sagte der Graf. Ein mit Geröll übersäter Hang links, ein mit Geröll übersäter Hang rechts. Sie schoben sich allmählich zu dem Felsabschnitt zusammen, der wie eine Art Tor aussah. Nirgends ein grüner Halm.

„Habe ich Ihnen schon erzählt, was der erste weiße Ansiedler sagte, als er in diese Gegend kam?“ fragte GG.

Die beiden schüttelten den Kopf.

„Großer Gott“, sagte er, „wozu hast du dieses verfluchte Land geschaffen?“

„Trostlos hoch zehn“, sagte der Graf.

„Müssen durch“, sagte der Chef. „Müssen sofort durch - nicht erst warten. Können vielleicht vor ihm an den Riesenkakteen sein. Verstecken uns da - warten dort ab, was ge­spielt wird. Oder wenn sie uns vorher in dem Tal erwischen wollen, kommen wir doch eher, als sie denken.“

Sie banden die Pferde an den Vorderfüßen fest, dass die Tiere nicht fortlaufen, aber am Bachbett grasen, saufen und gegen die Mittagssonne den Schatten der Felsen aufsuchen konnten. Dann gingen sie auf den Felseneinschnitt zu, hintereinander, der Chef voran.

Aber ehe sie dort angekommen waren, blieb GG stehen. „Chef“, sagte er, „hier beißen die Hunde nicht den letzten, sondern den ersten. Lassen Sie mich vorangehen. Gehöriger Abstand- dann kommen Sie, und wieder nach einem gehörigen Abstand kommt der Graf.“

„Klar, dass der Chef in die Mitte gehört“, sagte der Graf. „Wenn der Offizier abgeschossen wird, sind die andern schlimm dran. Aber weshalb ich mich ans Ende verdrücken soll, sehe ich nicht ein.“

„Machen Sie keine Geschichten, Graf“, sagte GG.

„Mache ich nie“, sagte der Graf, „erzähle höchstens welche. Kennen Sie das Chinesenspiel: König, Huhn, Wurm?“

GG nickte. „Nie gehört“, sagte der Chef.

„Kindlich einfach“, sagte der Graf. Er machte eine Faust. „Kö­nig!“ Er streckte zwei Finger aus: „Huhn!“, und dann noch einen einzigen: „Wurm“. Er zählte bis drei, und GG hatte gewonnen, denn er hatte nur einen Finger ausgestreckt, der Graf aber die ganze Faust.

„Der König isst das Huhn“, sagte der Graf, „das Huhn frisst den Wurm, aber der Wurm frisst den König- da hätten wir das ganze Leben.“

„Ich bleibe also vorn“, sagte GG, und so zwängte er sich als erster durch den Spalt des engen Felsentors. Zu seiner Überraschung sah er aber, als er es hinter sich hatte, keinen Canon mit steilen Felsenwänden, sondern nur Hügel von Sand und Sand und wieder Sand. Das Tor war nur eine riesige Steinader, die sich durch die Sandhügel zog. Wie Dünen lagen sie da, aber das Meer, zu dem sie gehörten, schien in der Hitze verdampft zu sein. Hier und dort stießen niedrige steinerne Kuppen aus dem Sand; unter ihm musste also gewachsener Stein liegen.

„Hier kann sich kein Mann verstecken“, sagte sich GG. Trotz­dem ging er nur langsam vorwärts, und scharf musterte er alles, was vor ihm lag.

Jetzt blieb er stehen und schaute zurück. Etwa fünf Meter hinter ihm ging der Chef, und wieder nach fünf Metern der Graf. In dem weichen Sand war kein Schritt zu hören. Der Chef hatte die rechte Hand in der Tasche, also an der Pistole.

GG ging weiter, und schneller als bisher. Da geschah es. Plötz­lich wich unter ihm der Boden. Unter seinen Füßen brach das Erd­reich ein, es riss ihn in die Tiefe, von allen Seiten fiel der Sand nach und begrub ihn. Indem GG in die Tiefe stürzte, überstürzten sich auch seine Gedanken. Den Bruchteil einer Sekunde lang hatte er das Gefühl, jetzt sei etwas Langerwartetes endlich da. Dann sah er seinen Vater, wie der alte Mann ihm wortlos die Hand gab, als er ihn im Kriege vor der Abreise an die Front noch einmal besucht hatte. Dann, in einer sich jagenden Folge, sah er den jungen Inder Tschandru Singh, der sie alle aus der Gewalt des Ungenannten gerettet hatte, und die beiden Kinder Mario und Graziella, die sie aus dem Dschungel geholt hatten. Auch das brauchte nicht mehr als eine Sekunde Zeit, denn für den Stürzenden waren alle Zeitmaße aufgehoben. Auch jeder Überlegung war er entrückt. Aber ganz instinktiv riss er seine beiden Arme nach oben und im selben Augenblick fasste sie der Chef.

Er hatte gesehen, wie GG vor ihm versank. Er war bis an den Rand des Trichters gerannt, der sich im Boden aufgetan hatte, er lag lang auf dem Boden, als wenn er auf dein Eis eines Teiches läge, in das jemand eingebrochen ist, und er hielt GG an den Armen gepackt, so dass GG nicht tiefer sinken konnte. Im Augen­blick, als er sich gepackt fühlte, wich von ihm die Flut der zeit­losen Gesichter. Ein Gefühl der Sicherheit durchströmte ihn, und sein Verstand war wach. Der Sand begrub ihn fast bis an den Hals.

„Ich stehe mit dem rechten Fuß auf festem Grund“. sagte er. Mit dem linken nicht. Der Boden muss hier tiefe Höhlungen haben.“

„Liege fest“, sagte der Chef.

„Den Sandboden durchziehen Felsadern“, sagte GG. „Darüber ist der Boden fest. Sie liegen am Rand eines Lochs.“

Der Graf war herzugerannt und lag jetzt neben dem Chef. „Lassen Sie seinen rechten Arm los“, sagte er zum Chef, „nach­dem ich ihn gefasst habe.“

Das taten sie, und nun hielten beide den Abgesunkenen.

„Ziehen Sie heraus“, sagte der Chef und begann zu zählen. Aber als sie es auf „drei“ versuchten, sahen sie, dass das un­möglich war: sowie sich GG bewegte, brach der Rand des Trichters weiter ein, neuer Sand stürzte nach und stieg um den Abgestürz­ten an.

„Das geht nicht“, sagte GG. „Und wir können nicht wissen, wo drüben wieder fester Boden ist. Vielleicht in zwei Metern - aber vielleicht auch erst wieder in zehn.

„Wenn wir Bäume hätten“, sagte der Graf. „Wir könnten sie dann von Rand zu Rand legen.“

Aber es gab nirgends Bäume. Es gab nur Sand und Felsen.

„Seile“, sagte der Chef, „brauchen Seile!“

„Lassos, Chef“, sagte GG.

„Wir müssen die Peone aus der Ranch holen“, sagte der Graf. „Sie bringen Lassos mit, und wenn wir mehr Männer sind, können wir GG von allen Seiten halten und herausziehen.“

„Wer reitet?“ fragte der Chef.

„Sie, Chef“, sagte der Graf. „Sie machen das schneller als ich, und hier kommt's auf jede Stunde an, die wir gewinnen.“

„Eine halbe Stunde bis zu den Pferden“, rechnete der Chef. „Dann eine Stunde bis zu unserm letzten Lagerplatz, von da vier bis zu der Ranch - das muss auch in drei Stunden gehen. Also viereinhalb - mit Pausen fünf. Wenn alles glatt geht, können wir in zehn Stunden hier sein. Können Sie GG so lange allein halten, Graf?"
„Mit dem rechten Fuß stehe ich immer noch fest“, sagte GG.
„Ich werde mein möglichstes tun“, sagte der Graf.
„Vielleicht komme ich auch mit dem linken auf den festen Sockel“, sagte GG ruhig.

,Und wenn der Sockel nicht hält?' dachte der Chef. Aber er sagte: „Geht in Ordnung. Haue ab. Will keine fünf Minuten ver­lieren.“

Trotzdem zögerte er noch. Er musste GG noch etwas sagen. Es war vielleicht, oder sogar wahrscheinlich - nein, nur vielleicht ein Abschied fürs Leben. „Wiedersehen, GG“, sagte er. „Haben wieder einmal recht gehabt. Kerl wollte uns hier alle drei einbrechen lassen. Wären lautlos um die Ecke gebracht. Also Wiedersehen! Bin überzeugt, sind gesund und munter, wenn ich wieder da bin.“

„Das hoff ich auch, Chef“, sagte GG. „Ich weiß, auf Sie kann man sich verlassen. Wenn Sie zu spät kommen sollten, dann liegt es bestimmt nicht an Ihnen. Das weiß ich.“

Der Chef stand auf. „Herrschaften“, sagte der Graf, der GG jetzt mit beiden Händen hielt, „die Senores werden ja nicht mehr in der Ranch sein, sondern nur die Peone - wie wollen Sie mit denen reden, Chef?“

Der Chef stand da, über seine Hilflosigkeit gegen sich selbst erbittert. So war das eben, wenn man keine fremden Sprachen gelernt hatte, weil man im Grunde meinte, die andern könnten ja Englisch lernen, wenn sie etwas von einem Engländer wollten.

„Sagen Sie ihnen nur: ,Mi amigo se quedo perecido!' (Mein Freund wurde verschüttet)“, sagte GG.

„Es wäre vielleicht gut“, sagte der Graf, „Sie sprächen das erst hier noch einmal nach. Ich für meine Person wäre übrigens nie auf die Idee gekommen, Spanisch zu lernen.“

Der Chef wiederholte den Satz in der ihm fremden Sprache. ,Wie ein Schuljunge', dachte der Graf, ,wie ein Schuljunge.' Der Chef musste die fünf Worte mehrmals aussprechen, bis sie auch aus einem englischen Munde einem Mexikaner verständlich klangen.

„Die Spanisch-Stunde ist aus“, sagte der Graf. „Jetzt dürfen Sie nach Hause gehen, Chef!“ Aber er ging nicht, sondern rannte davon, stetig, zügig, wie ein Langstreckenläufer. Das war seine Stärke. Der Graf konnte ihm nicht nachsehen. Doch er stellte sich vor, wie der Chef jetzt lief und lief, zu Pferd dann jagte und jagte, und den ganzen Weg wieder zurück, zäh, jeden Widerstand be­zwingend, erbarmungslos gegen sich selbst - das brachte eben nur der Chef fertig..

Nun war er also allein mit GG. Aber er wusste, dass sie trotzdem zu dritt waren, denn unsichtbar stand der Tod neben ihnen. Noch brauchte er GG nur lose zu halten, zur Sicherheit nur, denn solange GGs Fuß an dem Vorsprung, auf dem er stand, Halt fand, war keine unmittelbare Gefahr für ihn. Wenn aber dieser Sockel brach, wenn GG mit aller Kraft gehalten werden musste und GG mit einem ganzen Mannesgewicht in der Umklammerung seiner beiden Hände hing, wie lange konnte er ihn dann so halten? Wann war der Augenblick da, wo seine gefühllos gewordenen Finger ihn loslassen würden und der Unglückliche unweigerlich in die Tiefe sank?! Aber diese entsetzliche Aussicht durfte ihn nicht überwältigen. Er musste in guter Verfassung bleiben, und auch GG. Er durfte ihm seine furchtbare Lage nicht erschweren, sondern musste ihn bei Laune halten. ,Ich werde einfach heiter mit ihm plaudern', dachte der Graf, ,so heiter, als stünden wir beide, im Frack und ein ge­fülltes Sektglas in der Hand, am Kamin eines Pariser Salons, auf dessen Marmorplatte unter einem Glassturz die obligate vergoldete Standuhr tickt.'

„Ich brauche nicht zu wiederholen, GG“, sagte er, „dass Sie mit Ihrem Verdacht recht gehabt haben. Aber ich möchte doch in aller Bescheidenheit darauf aufmerksam machen, dass auch ich recht bekommen habe. Ich habe immer gesagt: ,Das wird ein ungewöhnlich reizender Ritt in die Berge' - und Sie werden zugeben, GG, unsere Situation hier ist ebenso ungewöhnlich wie reizvoll!“

GG verstand den Ton, den der Graf anschlug. Der Graf überließ sich nicht seinem Gefühl, sondern bediente sich der festen Form der gesellschaftlichen Konversation - nicht aus Mangel an Mit­gefühl, sondern weil er wusste, dass das Gefühl den Menschen über­wältigen kann wie ein Strom, der über seine Ufer tritt. In der sicheren Haltung aber, welche die Form gibt, meisterte er die wilden Wasser des Stroms in festen Ufern und Schleusen, - und so antwortete er in derselben Weise.

„Ich bin ganz Ihrer Meinung, Graf“, sagte er. „Erst eine un­gewöhnliche Lage wie die meine lässt uns Reize auskosten, die wir sonst gar nicht empfinden würden. Nehmen wir zum Beispiel den Steinsockel oder Felsvorsprung, auf dem mein rechter Fuß steht. Gern würde ich auch meinen linken daraufbringen, aber es ist mir unmöglich, der Sand ist doch zu schwer, als dass ich den Fuß bewegen könnte, er liegt gewissermaßen in einem Gipsverband. Aber wie glücklich bin ich nun, dass wenigstens der rechte seinen Halt gefunden hat.“
„Sie können unbehindert atmen?“
„Ja. Der Sand oben auf der Brust hat nicht das Gewicht wie der Sand unten.“
„Ausgezeichnet. Aber ich meine, wir könnten die außerordentliche Lage, in der wir uns befinden, zu nichts Besserem benutzen, als dass wir uns darüber klarzuwerden suchen, was dieser Ehrenmann nun weiter vorhat. Ich fände es offen gestanden nicht ganz angenehm, wenn er jetzt von irgendeiner Seite her über die Hügel gekrochen käme, um sich zu vergewissern, ob sein ungewöhnliches Mittel, uns ohne irgendwelche Unkosten lebendig zu begraben, schon ge­wirkt habe. Er könnte, wenn er etwa in meinem Rücken auf­tauchte, ohne dass wir es merken, so nahe herankommen, dass er uns mit zwei Pistolenschüssen bequem aus der Welt schaffte. Da ich weder Sie loslassen darf, noch mich herumdrehen kann, wäre es mir unmöglich, ihn daran zu hindern.“

„Selbstverständlich muss er sich davon überzeugen“, sagte GG, „was aus uns geworden ist. Denn sicher kann er sich nur fühlen, wenn er weiß, dass wir nicht mehr leben. Aber ich glaube nicht, dass er jetzt schon kommt. Ich meine, er muss erst diesen Mike Mull sprechen. Dann wird er mit ihm zusammen hier erscheinen- “

„Entschuldigen Sie, wenn ich widerspreche“, sagte der Graf, „ich tue es ungern, denn was vermag unsereiner schon gegen Ihren Scharfsinn? Aber dieser reizende Herr sagte uns ausdrücklich, Mike Mull dürfe nicht darauf kommen, dass der Herr uns kenne, weil er dann sofort Verdacht schöpfe, er solle ausgehoben werden.“

„Er hat manches gesagt, um uns zu täuschen“, erwiderte GG. „Entweder kommt er also allein oder sie kommen zu zweien. Eins ist für uns so peinlich wie das andere - aber in jedem Fall geschieht das erst, nachdem sie sich getroffen haben. In der Nacht wird das nicht sein, denn er kennt ja die Tücken dieser Schlucht zu gut, als dass er sich im Dunkeln hier hereinwagte. Ich hoffe, dass er erst morgen früh aufbricht - dann könnte es doch gut möglich sein, dass der Chef vor ihm bei uns gewesen ist.“

„Es ist bemerkenswert, wie für unsre Spannung gesorgt wird“, sagte der Graf. „Wir stehen - vielmehr: ich liege und Sie hängen - nicht vor der Frage, ob Sie es aushalten, hier eine unbestimmte Zeit lebendig begraben zu sein, ferner ob ich es vermag, Sie die­selbe unbestimmte Zeit vor dem Einsinken zu bewahren, sondern es handelt sich auch noch um ein interessantes Wettrennen zwi­schen dem Chef und diesem einfallsreichen Herrn. So viel ich für dramatische Szenen übrig habe, denn sie machen das Leben erst interessant, so gebe ich offen zu, mir wäre es lieber, der Chef ginge mit recht erheblichen Nasenlängen durchs Ziel.“
„Sie sind anscheinend ein Freund von Pferderennen“, sagte GG.
„Von Pferden“, antwortete der Graf, „besonders von rennenden Pferden, aber nicht von Pferderennen. Ich habe gefunden, fast jedes Rennpublikum sieht so aus, als sei es reif zum Abtransport in eine Verbrecherkolonie.“

Es war drückend heiß geworden. Die Sonne brannte erbarmungs­los, der Sand und die Steine des schattenlosen Tals warfen die Hitze zurück. Wenn der Graf geradeaus blickte, sah er die heiße Luft aufsteigen. Müde machte die Hitze, müde.
„Wie ist das Befinden, Verehrtester?“ fragte der Graf.
„Es könnte schlechter sein“, sagte GG.“ Ich fühle eigentlich jeden Pulsschlag im Kopf- “
„Das sind die Kopfarterien. Der Blutandrang zum Kopf ist natürlich stark. Sie werden auch Ohrensausen spüren - haben Sie bunte Ringe vor den Augen?“
„Ohrensausen ja - bunte Ringe noch nicht.“
„Ausgezeichnet“, sagte der Graf. „Man muss ja auch nicht alles auf einmal haben wollen. Und ich nehme an, Ihnen ist der Mund so unangenehm trocken wie mir. Wir erfahren jetzt am eigenen Leib, wie einem toten Stockfisch zumut ist, der an der Sonne ge­dörrt wird, und vielleicht empfiehlt es sich, nicht mehr so viel zu sprechen. Wie ist es eigentlich, GG - können Sie gut pfeifen?
„Nicht sehr gut“, antwortete GG.
Können Sie die zweite Stimme zu einer Melodie pfeifen?“
„Kaum die erste.“
„Schade, sehr schade“, antwortete der Graf. „Da sieht man wieder: die brotlosen Künste werden unterschätzt, vor allem von den eifrigen Deutsehen. Da sprechen Sie nun die meisten Sprachen der Erde, Großer Geist, Sie wissen in der Geschichte der Mensch­heit Bescheid, als seien Sie von Urzeiten an immer dabei gewesen, und selbst im Innern der Erde kennen Sie sich aus, als hätte man Sie bei deren Entstehung um Rat gefragt - aber pfeifen können Sie nicht. Wirklich, das ist ein Mangel. Dann könnten Sie mich jetzt begleiten, und wir könnten hier ein Duett exekutieren, wie es dieses einsame Tal noch nie gehört hat und vermutlich auch nie wieder hören würde. So muss ich mich mit einem kümmerlichen Solo begnügen - aber ich bitte Sie trotzdem, hören Sie genau zu. Sie wissen: alle Künstler legen großen Wert darauf, dass man ihren Meisterleistungen die genaueste Aufmerksamkeit schenkt. Und was Sie hören werden, ist nicht das erste beste. Sie müssen dazu wissen: in dem alten Familienschloss, in dem ich als Kind auf­gewachsen bin, wo es einerseits sehr idyllisch, andrerseits im Hygienischen mehr als prähistorisch zuging, lebte auch mein Großonkel Chlodwig, der jüngste Bruder meines Großvaters. Wir sind auch noch mit den alten Merowingern verwandt, daher dieser altertümliche Name. Besagter Onkel Chlodwig nun zeichnete sich durch zwei Dinge aus. Erstens hat er in seinem ganzen Leben nie gearbeitet, sondern nur von dem Fleiß und dem Geschick seiner Vorfahren gelebt. Zweitens spielte er Flöte und hatte sich
deshalb sämtliche Opern seiner Zeit gegen sehr viel Geld für eine einzelne Flöte umschreiben lassen, und die spielte er nun von morgens bis abends. Es gab Familienmitglieder, die er dadurch an den Rand des Wahnsinns brachte - ich aber bin auf diese merk­würdige Art mit den Melodien Mozarts, Rossinis, Donizettis auf­gewachsen, und ich werde sie in diesem Leben nie wieder vergessen. Dass sie mir eines Tages in einem tödlich einsamen Tal Mexikos dienlich sein könnten, das habe ich wirklich nicht ahnen können.“

Er begann zu pfeifen, und er pfiff auf eine bezaubernde Art, zart und innig, und musikalisch absolut richtig. In dieser Öde er­klangen all die großen Arien, in denen die Gestalten der Oper ihr Leid beklagen oder ihr Glück bejubeln; sie erklangen sehr be­scheiden, nur von menschlichen Lippen, fern aller Kunst - und doch wie ein letztes, schwaches Echo ihrer ewigen Musik.

,Wach bleiben, wach bleiben, nur wach bleiben', dachte der Graf, ,er darf einschlafen, aber ich nicht- ` und so pfiff er weiter, zart und innig und streng bemüht, jeden Ton genau zu treffen.

Hoch unterm Himmel zog ein Flugzeug über sie hin. Es funkelte in der Sonne. Schwach klang das Donnern der Motoren ihm nach. ,Wenn sie uns doch sähen', dachte der Graf. ,Aber das können sie ja nicht.' Und er pfiff die Melodie weiter, die er gerade begonnen hatte, die heitere Arie des Doktor Bartolo:

„Seh ich die holde Miene
Der reizenden Rosine,
Dann hüpfet froh mein Herz,
Entfernt von jedem Schmerz.“

Auch der Chef sah das Flugzeug, wie er auf seinem Pferd durch das einsame Land jagte, aber er schenkte ihm natürlich keine Auf­merksamkeit. ,Unmöglich, dass der Graf ihn lange halten kann, wenn der Sockel bricht-’ das war sein einziger Gedanke.

Noch hatte er nicht einmal ihren letzten Rastplatz erreicht. Immer wieder rechnete er nach, aber um zehn Stunden kam er nicht herum. Das war zu lange, zu lange - aber es war nicht zu ändern, und wie ein Verzweifelter ritt er durch das einsame Land, diese Bergwüste mit ihren gespenstischen Kakteen; bald waren es grüne Kandelaber, zwölf Meter hoch, bald mannshohe igelrunde Kugeln. Zum erstenmal sah er an dem sonst völlig wolkenlosen Himmel Wolken. In einer dunklen Wand lagen sie im Süden über den Bergen.

Da, der Rastplatz. Noch vier Stunden bis zur Ranch…  Aber vier Stunden auch für den Rückweg. Acht Stunden. - Und wenn die Peone fort waren? Er sagte den Satz, der für ihn wie ein Losungswort war, das ihm die Herzen der Mexikaner öffnen sollte:

„Mi amigo se quedo perecido!“  Das durfte nicht sein, dass er niemand mehr antraf. Weiter, nur weiter… „Mi amigo se quedo perecido!“

Dieses Kapitel wurde dem Band 3 "Tod in der Skelettschlucht" entnommen.

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