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Funksprüche
 


Lassen wir an dieser Stelle den Autor zu Wort kommen. In seinem Buch "Worum es mir ging", erschienen 1959 bei Herder/Freiburg, erklärte Herbert Kranz folgendes:

"Der Drang nach Aktion und Abenteuer liegt in jeder gesunden Seele", sagte Eduard Spranger über die Heranwachsenden, und wer jugendliche Leser mit seinem Buch fesseln will, muss sich dazu verstehen, Abenteuer spannend zu erzählen. Diese Voraussetzung kann man bei den zehn Bänden, von denen hier die Rede ist, wohl als erfüllt ansehen, wenn über sie in einer Rundfunkbesprechung gesagt wird: "Die Bücher gehören zu denen, die man als Junge heimlich unter der Bettdecke liest, weil man einfach nicht mehr davon loskommt."

Wer aber im letzten Jahrzehnt seines Lebens drangeht, Bücher für die Jugend zu schreiben, wird sich mit Spannung und Abenteuer nicht mehr begnügen, sondern mehr geben wollen, und das wurde in der Reihe der "Kranz-Bände", die nun abgeschlossen vorliegt, auch versucht.

Der Märchenheld, der den Drachen bezwingt, wie ihm dank seinem glückhaften Wesen und seinen Fähigkeiten alles gelingt, wird zum Wunschbild der Kinder. Es wirkt aus der versunkenen Märchenwelt weit in die Gegenwart hinein. Man begegnet ihm noch immer sowohl in Old Shatterhand wie in dem mannhaften Sheriff des Wildwestfilms. Aber der sich weiterentwickelnde Jugendliche spürt eines Tages, dass an diesem Idealbild etwas nicht stimmt, was sich dann zu der enttäuschenden Formel "Ist ja alles Schwindel" steigern kann. Es gilt jedoch, dem jugendlichen Leser die Freude an der echten Leistung zu erhalten, denn sie ist für den Wettkampf des Lebens doch von Bedeutung. Sie muss ihm möglich und erreichbar erscheinen. Darin scheint uns freilich mehr zu liegen, als dass man es nur als einen Kniff der Komposition ansehen müsste. Der Held, der mit dem selbstgeschmiedeten Schwert den Feuerspeienden Drachen angeht, gehört einem anderen Zeitalter an als dem unsrigen. Es ist vielfältiger und komplizierter geworden. Gewiss, auch in ihr wird der einzelne sein Bestes zu leisten haben, aber das zeitbedingte Werk verlangt heute gemeinsame Arbeit. "Teamwork", das etwas anderes bedeutet als "Kollektiv der Arbeit", wird zum Ausdruck der Zeit, von der wissenschaftlichen Forschung bis zu den harten Aufgaben der militärischen Verteidigung. Das führt aber nicht mehr zu phantastischen Phrasen von beseligender Gemeinschaft, sondern tritt als nüchterner Sachverhalt in Erscheinung. Wird damit der Wirkungsbereich des einzelnen eingeschränkt, so gewinnen andererseits die Gestalten der Personen an menschlichem Gehalt.

Und so gern der Verfasser in diesen Büchern auch den einfällen Raum gab, die er der Fantasie verdankte, so bemühte er sich ebenso gern um Genauigkeit und Sachtreue. Alle medizinischen und naturwissenschaftlichen Angaben wurden von einem jungen Arzt freundlicherweise kontrolliert. Für die entlegenen Gegenden lieferte die wissenschaftliche Literatur die Unterlagen mit den Expeditionsberichten und Aufsätzen in gelehrten Fachzeitschriften. Die Unterlagen für Jagdabenteuer gaben entlegene Berichte englischer Jäger her. Die Darstellung der Welt der Flughäfen und der Fliegerei war aus Büchern nicht zu gewinnen. Hier half das liebenswürdige Entgegenkommen der Pan American Airways und ihrer Piloten und Beamten. Der Plan zu dem Buch "Die Insel der Verfolgten" wurde bei einem längeren Aufenthalt auf Sardinien nachgeprüft. Unvergessen sind uns persönliche Freunde, die wir gewannen, von denen jeder in seiner Art, ohne davon etwas zu wissen, zum Gelingen des Buches beitrug. Freilich bekommen solche übernommenen einzelnen Begebenheiten erst dadurch Leben, dass sie auf den Charakter der darin handelnden Personen abgestimmt werden und für deren innere Bedeutung erhalten. Außer der wissenschaftlichen Literatur und der eigenen Beobachtung und Erkundung an Ort und Stelle lieferte unseren bunten Bänden noch ein drittes Element die Nähe zur Gegenwart und gibt ihnen Realität- ein privates Archiv, in dem sich mehrere tausend Zeitungsausschnitte befinden, in Jahrzehnten gesammelt, nach Themen geordnet. Sie enthalten Berichte über merkwürdige Vorgänge, rätselhafte Geschehnisse, bewundernswerte und verabscheuungswürdige Taten und Documents humains der verschiedensten Art. Wer in den Mappen blättert, blickt in das Pandämonium der Gegenwart, und diese Berichte aus der Realität der Welt erscheinen ihm phantastischer als wilde Phantasieprodukte.

"Ausblicke in die Zeit", sagten wir. Aber die Bücher gehen noch einen Schritt weiter. Sie möchten auch Einblicke in das wesentliche geben, das zeitlos gültig ist. Jedem der Bände ist deshalb ein Anhang beigegeben, der mehr vermittelt, als sein Titel "Wort- und Sacherklärungen" vielleicht vermuten lässt. Zu einem Teile bringt das alphabetisch angelegte Wörterverzeichnis Erläuterungen über das Land, in dem der betreffende Band spielt. Stünden diese sachlichen Angaben im Text des Buches, so würde der Leser, den die abenteuerliche Handlung bannt, sie überschlagen. Hat er das Ganze gelesen nimmt er wohl diese Erweiterung hin. Auch über das, was es nur in fremden Ländern gibt und der Leser daher nicht kennt, kann er sich im Anhang unterrichten. Es kommt nicht allein darauf an, dass diese Dinge erklärt werden, sondern auch darauf, wie es geschieht. Die Auskunft muss dem Verständnis des jungen Lesers angepasst werden, ohne dass damit Sachverhalt versimpelt wird. Damit werden unsere Sacherklärungen zu Bruchstücken einer Lebenskunde, was so manche in Büchern, die ihr Verfasser selbst als Abenteuergeschichten bezeichnet, nicht vermuten wird. Er hat Freude, darin verstanden zu werden. "Etwas begrüßenswert Neues", so heißt es in einer Besprechung, "ist der Anhang des Buches, der Fremdwörter erläutert und dazu manche historische, geographische oder kulturelle Ergänzung zu Begriffen gibt, die im Rahmen der Handlung angeführt werden." - und ein vierzehnjähriges Mädchen schreibt: "Manchmal dachte ich bei einer Erklärung: ‚Die brauchst du nicht lesen. Das weißt du doch.’ Aber dann las ich sie trotzdem, weil ich gerade nichts anderes mehr zu lesen hatte, und da merkte ich, dass ich jetzt erst sah, worauf es bei der Sache eigentlich ankam."

Zu guter Letzt eine Bemerkung in einer Besprechung des neunten Bandes. Mit unserer Reihe sind, so heißt es da, "Abenteuerromane geschaffen, von denen schwer zu sagen ist, ob sie noch der bloßen Jugendliteratur zugerechnet werden dürfen. Vielleicht ist es aber überhaupt ein Kennzeichen des echten Jugendbuches, dass es zwar eine Lesergrenze nach unten, aber keine nach oben kennt. Das darf man jedenfalls von den Kranz- Bänden getrost behaupten."

Allerdings fehlt es da an Überraschungen nicht. Ernst Sievers zum Beispiel (1850-1932) war ein bedeutender Germanist und Sprachforscher, der aus einer angelsächsischen "Genesis" herauswitterte, dass sie nach einer altsächsischen Vorlage gedichtet sein müsse, was sich dann neunzehn Jahre später durch neue Handschriftenfunde bestätigte. Was der Gelehrte durch seine geniale Methode der Schallanalyse ermittelte, etwa über die Apokalypse des Johannes oder den Textaufbau griechischer Evangelien, bleibt erstaunlich- wenn er aber nachts nicht schlafen konnte, las er seinen Karl May. Freilich war er da, zwischen siebzig und achtzig, wohl auch schon nicht mehr ganz auf der Höhe, denn er ging auch mit den Stiefeln ins Bett, weil ihm das ewige Aus- und Anziehen zu lästig geworden war...

Natürlich können leider nur Auszüge aus dem sehr inhaltsreichen Buch angemessenen Platz auf dieser Seite finden. Sie haben sich neugierig gelesen? "Worum es mir ging" wird im Anschluss an die zehn Kranz- Bände ebenfalls neu herausgegeben.

Wer sich aber so lange nicht gedulden möchte, sei verwiesen auf ein ebenfalls spannendes Werk zu gleichem Thema. Lesenswert für jeden der sich für Literatur zu Literatur interessiert:

Dr. Uli Otto
"Auf den Spuren von UBIQUE TERRARUM"
Untersuchungen zur Jugendbuchreihe "UT" von Herbert Kranz
Kern Verlag, Regensburg, 2003
ISBN 3-934983-03-0

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